Die Göttin


Um unserer Zukunft willen müssen wir zu den matriarchal-mystischen Quellen zurückkehren, um von dort frisches Wasser des Lebens zu holen und unseren Durst nach ganzheitlichem Leben zu stillen.

Diese heilsame Rückkehr zu den weiblichen Werten in Politik und Religion ist kein Rückfall, sondern eine Umkehr zum Leben für Bäume, Flüsse, Luft und Menschen.

Eine innere Umkehr zu einer Haltung, die Gesetze der Natur höher zu achten als unser Bedürfnis nach Herrschaft über sie und Gewinn aus ihr und die Materie zu heiligen, anstatt sie zu schänden und zu entehren.

- Jutta Voss -








Begriff von der Göttin


Die „Göttin“ ist keine abstrakte Instanz außerhalb der Welt, sondern sie ist der gesamte Kosmos und die Erde selbst. Die „Göttin“ ist konkret. Sie ist als „Kosmos“ als „Frau Welt“ in ihrer Gesamtheit universell und als „Mutter Erde“ gleichzeitig auch lokal. Diese Vorstellung von der Göttin prägt die matriarchale Spiritualität.

Die Menschen wohnen ganz lokal auf ihrer Göttin, denn ihre Häuser liegen in bestimmten, unverwechselbaren Landschaften. Als die „Eine mit den tausend Gesichtern“ wird sie deshalb verstanden, denn überall zeigt sie sich in verschiedenen Gestalten. In den Alpen als Berggöttin, an den Küsten als Meeresgöttin oder als Flußgöttin, die den Menschen und ihren Feldern Fruchtbarkeit schenkt.

Da die Göttin die sichtbare, spürbare Welt selbst ist, braucht niemand mittels unglaubwürdiger Dogmen an sie zu „glauben“. Kosmos und Erde sind immer da, in Land und Himmel, in den Gestirnen, in den Elementen, in allen Lebewesen, in jedem Menschen. Alles trägt das vielfältige Gesicht der Göttin, in allem wirken ihre vielfältigen Kräfte.

Deshalb kann die Göttin in all diesen Erscheinungsformen verehrt werden. Dieser lokal verehrte Teil der Göttin steht symbolisch für das Ganze, welches matriarchale Menschen dabei nicht aus den Augen verlieren. Deshalb ist in diesem Zusammenhang der missionarisch geprägte, abwertende Begriff des „Götzendiensts“ falsch. Wie das matriarchale Weltbild auch nichts mit „Vielgötterei“ zu tun hat, auch das ist eine spätere, patriarchale Missdeutung.

Die Verehrung der Göttin in Allem ist auch mehr als nur „Animismus“, bei dem alles als beseelt gesehen wird: In allem lebt das Göttliche, darum wird JEDE Erscheinung und JEDES Wesen geachtet. Diese „Vielfalt in der Einheit“ gibt für matriarchale Menschen als hoher Wert, sie macht in ihren Augen den Reichtum der Welt aus.

Die Verehrung der Göttin ist daher ein künstlerisch-ritueller Ausdruck, in welchem die Kräfte, welche die Welt gestalten und das Leben tragen, gefeiert werden. Im Zyklus der Jahreszeiten werden die matriarchalen Mythen in großen Volksfesten und Zeremonien gefeiert und die mythischen Gestalten verkörpern sich dabei in den teilnehmenden Menschen.

Alle sind an diesen Mysterienfesten beteiligt und diese gewachsene Tradition ist in einem lebendigen Prozess der permanenten Veränderung eingebunden. Es gibt keine privilegierte Priesterkaste, deren Amtsinhaber gegenüber den tief heruntergestuften, sogenannten „Gläubigen“ autoritär auftreten, da sie meinen allein im Besitz der „Wahrheit“ und der Interpretationsgewalt zu sein.

Im matriarchalen Kontext ist die „Wahrheit“ die aktuelle Ausübung der Verehrung der Welt mit allem, was darin und darauf ist. Diese Ausübung ist von Kultur zu Kultur verschieden, oftmals sogar von Stadt zu Stadt innerhalb derselben Kultur. Da die Vielfalt jedoch ein positiver Wert ist und geachtet wird, ist matriarchalen Völkern jede Missionierung fremd.

Das ist die Struktur des matriarchalen Weltbildes und sie ist völlig anders als die Struktur des patriarchalen Weltbildes und seiner Religionen. „Re-ligio“ als „Rückbindung“ ist hier nicht nötig. Denn man muß sich nicht an etwas zurückbinden, von dem man schon immer Teil ist, so wie die Menschen Teil von Frau Welt sind, das heißt, sich immer schon darin, in der Welt, befinden.

(Quelle: Heide Göttner-Abendroth - "Die Göttin und ihr Heros")


Warum Frauen "die Göttin" brauchen...

…weil das einseitig männlich geprägte und dominierte Gottesbild der patriarchalen Großreligionen (Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus...) und ihr "Religionsmonopol" die Frauen seit Jahrtausenden von ihren spirituellen Wurzeln abschneiden. In der Unterdrückung der weiblichen Spiritualität liegt meiner Erfahrung nach die Ursache für viele seelische und körperliche "Erkrankungen" von Frauen.

Die alten Göttinnendarstellungen und ihre von den patriarchalen Verformungen befreiten Mythen geben uns Frauen in der heutigen Zeit eine Ahnung davon, wie Weiblichkeit jenseits von patriarchalen Rollenzuschreibungen gelebt werden kann.

Denn in der patriarchalen Gesellschaft werden Frauen nur jene Bilder von Weiblichkeit zugestanden und gezeigt, welche für die patriarchale Gesellschaft „unbedenklich“ sind. Konkret ist damit gemeint, daß Frauen nur jene Rollenbilder von Frau-Sein vermittelt werden, die für den Machterhalt des patriarchalen Systems von Nutzen sind.

Dies zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche und patriarchalisierte Frauen erkennen oftmals ihr ganzes Leben lang nicht, in welch eng eingegrenztem Feld sie „Frau sein dürfen“ in einer patriarchalen Gesellschaft. Solange Frauen nicht anfangen über den patriarchalen Tellerrand hinaus zu blicken, halten sie die vorgegebenen und verinnerlichten Bilder – vor allem was ihren Frauenkörper und ihre weibliche Spiritualität, ihre Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität betrifft – für die eigenen Bilder, wie sie als Frau leben sollten.

Erst wenn Frauen die patriarchalen Schleier in ihren Köpfen Schicht für Schicht wieder ablegen – am Besten „abtanzen“ – erst dann können Frauen erkennen, wie sie über die Frauen-Bilder der patriarchalen Gesellschaft für deren Zwecke manipuliert und mißbraucht werden.

Unseren Blick wieder zu öffnen für andere Gesellschaften und Kulturen ist unerlässlich auf diesem bewußten und tiefgreifenden, weiblichen Heilungsweg. Die Beschäftigung mit den früheren, alten Göttinnen hilft uns dabei ganz entscheidend. Wir legen die patriarchalen Zuschreibungen, wie Frau zu sein hat, ab und entdecken die bunte und lebendige Vielfalt weiblicher Lebensformen darunter.

Die Göttinnen begleiten uns auf unserem Weg zurück zu einer neuen Weiblichkeit. Sie helfen uns, für unser Frau-Sein Heute neue Bilder in uns selbst und in weiterer Folge auch in die gesellschaftlichen Strukturen zu bringen und letztendlich erschaffen wir daraus eine neue „Gesellschaft in Balance“, in der alles Leben seinen Platz hat.


Die "Göttin" gibt den Menschen Schutz:




Unter dem schützenden Mantel der Göttin fühlten die Menschen sich jahrtausendelang geborgen und beschützt. Selbst Bischöfe und hohe Würdenträger suchten Zuflucht unter ihrem schützenden Mantel. Doch wovor haben die Menschen bei der Göttin Schutz gesucht? Darüber klärt uns dieses Bild aus dem Burgmuseum in Burghausen klar und deutlich auf:

Maria, die alte Göttin im christlichen Kleid und Mantel, schützte die Menschen vor den Angriffen des patriarchalen Gottes! Denn er ist es, welche Maria "von oben" mit Pfeilen beschießt. Diese Pfeile, die laut christlicher Symbolik "die Pest" darstellen, hat Gott zur Erde auf die Menschen gesandt und Maria, die "geheime Göttin im Christentum", wie Christa Mulack sie bezeichnet hat, hat die Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt unter ihrem schützenden Mantel.

Noch immer pilgern die Menschen zu Marienwallfahrtsorten und bitten dort unbewußt die frühere, große Göttin um Hilfe bei ihren Leiden und Sorgen. Unzählige Votivbilder und Votivgaben erzählen uns bis heute von der großen Heilkraft der Göttin. 

"Beten" bedeutet in seinem ursprünglichen Sinne, die "Bethen anrufen". Jene "drei Bethen" Einbeth, Warbeth und Wilbeth oder wie immer die keltischen Nachfahrinnen der Großen Dreifachen Göttin auch geheißen haben mögen.

Mögen immer mehr Frauen ihren Lebensweg wieder unter den Schutzmantel der Göttin stellen und erkennen,
daß sie es ist, welche die Frauen vor den Angriffen der patriarchalen Welt schützt.
Möge ihre Kraft und Stärke mit jeder Frau unter ihrem schützenden Mantel
wachsen und hinausstrahlen in die Welt.