Die Mondin


Unsere Reise zu den Ursprüngen ist zugleich die Reise in unsere Zukunft.

- Gerda Weiler -



Die Mondin ist die Göttin der Nacht. In ihren Phasen zeigt sie das Gesetz der ewigen Verwandlung. Sie war die erste Zeitgeberin, denn nach ihr konnten die frühen Menschen überall auf der Erde die Woche, den Monat und das Mondjahr genau bestimmen. Daraus entwickelte sich der Mondkalender.

Die Mondgöttin bestimmt über das Wetter und das Klima auf der Erde. Das Meer bewegt sie in Gezeiten, Flüsse und Quellen läßt sie steigen und sinken, sendet den Regen und die Überschwemmungen und macht damit das Land fruchtbar. Vom Wasser, daß die Mondin sendet, hängt das Pflanzenwachstum auf der Erde ab, die Grundlage des menschlichen Lebens.

Deshalb genoß die Mondgöttin in der matriarchalen Epoche auf der ganzen Welt höchste Verehrung. In Alteuropa war sie die "Weiße Göttin" der europäischen, matriarchalen Kulturen. Im Mittelmeerraum galt sie als die Tochter der kosmischen Nacht, der Göttin Nout. Sie war das Ei, das die Schöpferin Eurynome legte und aus dem, als es zersprang, alle Dinge fielen.

Auch war die Mondgöttin für die matriarchale Menschheit der Frühgeschichte nicht nur Zeitgeberin und Wettermacherin, sondern sie zeigte ihnen am Himmel auch die Gesetze des Lebens. Jeden Monat vollzog sie vor den Augen der Menschen das Wunder zu wachsen, voll und rund zu werden, abzunehmen, zu verschwinden und wiederzukehren.

Sie wechselte monatlich vom Leben zum Tod und wieder ins Leben zurück, woran die Menschen den großen Kreislauf von Wachsen, Reifen, Welken, Tod und Wiedergeburt ablasen. Die Vegetation bildete in ihren Augen denselben Zyklus im Laufe des Jahres auf der Erde nach, deshalb sahen sie alle Lebewesen in diese Gesetze des Lebens eingebunden, das durch die Verwandlungen hindurch niemals aufhört.

In diesem Sinne wurde die Mondgöttin in dreifacher Gestalt als die Große Dreifaltigkeit des Matriarchats verehrt: als die weiße Mädchengöttin mit dem silbernen Bogen (zunehmende Mondsichel); als die rote Frauengöttin, die Land und Meer fruchtbar macht (Vollmond); als schwarze Greisingöttin, die das Schicksal bringt (abnehmende Mondsichel und Schwarzmond).

Indem sie wie die Schlange die Haut abstreift und sich wieder verjüngt, verwandelt sich die Mondgöttin dann von der Greisingöttin wieder in die Mädchengöttin und zeigt damit das Mysterium ewiger Wiedergeburt. Die Mondgöttin war in den matriarchalen Kulturen weltweit die umfassendste Göttin überhaupt, sie war den Menschen Spiegel der Zeit, des Lebens, der Welt, die Große Himmelsmutter.

In Europa wurden in der Epoche der Christianisierung manche Eigenschaften der Mondgöttin, besonders in ihrer Mädchengestalt, auf die christliche Maria übertragen, was die Ikonografie deutlich zeigt: Maria mit der Sternenkrone, auf der Mondsichel stehend. Doch das geschah erst, nachdem die Göttin zuvor zur Menschenfrau und "Magd des Herrn" erniedrigt und dem neuen patriarchalen Vatergott unterworfen worden war.

Der kultische Tanz galt im Matriarchat in erster Linie der Mondgöttin. Die neun Musen waren Mondpriesterinnen und tanzten für die Weiße Göttin, wie es überall in Europa und auf der Welt geschah. Dabei bildete ihr Tanz die komplexen Bewegungen der Mondin und der Planeten nach.

Die Neun ist eine besondere Zahl, weil sie dreimal die weibliche Dreifaltigkeit enthält, die Escheinung der Mondgöttin als Triade. Diese magische Neunzahl der Mondtänzerinnen fand sich besonders häufig in den Matriarchaten des östlichen Mittelmeerraums (minoisches Kreta, prähellenische Griechenland).

Der Tanz war das Hauptmerkmal aller matriarchalen Kulte. Er war dabei nicht nur ausdrucksstarkes Gebet, er war zugleich die wichtigste, magische Praxis überhaupt. Er ist die älteste und elementarste Form der religiösen Äußerung, er ist Magie als getanztes Ritual.

Das ganze Universum mit den Gestirnen darin war für matriarchale Menschen Tanz. In sich ausrollender und einrollender Spiralen tanzten die Himmelslichter scheinbar um die Erde. Wie im Himmel, so auf Erden - das war das Prinzip, nach dem sich die Menschen mit dem göttlichen Universum in Einklang brachten. 

Denn nur die Harmonie zwischen dem Makrokosmos des Universums un des Mikrokosmos der Menschenwelt garantierte, daß die Welt nicht aus den Fugen geriet. So taten sie aktiv das ihre, diese Balance aufrecht zu erhalten, und das ist die Magie. Tanzend vollzogen sie dieselben Bewegungen wie die Gestirne am Himmel, und damit hielten sie magisch die Welt im Gleichgewicht.

Wenn alles mit allem verknüpft ist, daß es keinen Teil geben, der aus dem Tanz der Welt herausfällt - das ist es, was sie erkannten. Wissend vollzogen sie deshalb dieses Gesetz der Einfügung auch ihres Teils ins große Ganze, eine Weisheit, die der späteren, patriarchalisierten Menschheit verloren ging.

Das war die Magie der Mondtänze, überhaupt aller Tänze in matriarchalen Kulturen. Die Menschen tanzten für die Vollmondin, priesen ihre Fülle und Schönheit und feierten bei ihrem Erscheinen die Liebesfeste. Dramatisch war dagegen der Tanz für die Schwarzmondin oder gar bei Mondfinsternis, denn dann zeigte die Göttin ihr zyklisches Sterben.

Dieser Tanz war eine Beschwörung zur Wiederkehr der Mondgöttin und währte so lange, bis sie tatsächlich wieder erschien. Auch dann wurde weitergetanzt, um ihr zunehmendes Licht zu begleiten. Dies konnte nächtelang dauern, und es war wichtig, pausenlos und mit aller Kraft zu tanzen, was bis zur Trance, Ekstase und völligen Erschöpfung führte.

Da die Menschen auf diese Weise die Mondgöttin in Tod und Wiederkehr begleiteten, waren sie überzeugt, daß die Göttin auch ihnen die Wiederkehr aus jedem Tod schenken würde. Das menschliche Dasein galt als eine Kette von Abstieg und Aufstieg, Tod und Wiederkehr über das individuelle Sterben hinaus. Es war im phasenweisen Wechsel von Leben, Tod und Wiedergeburt ewig wie das der Göttin, die bei vielen Völkern asudrücklich "die Ewige" hieß. Tod als unverrückbares Ende - diese traurige patriarchale Idee - gab es bei ihnen nicht. 

Die Fähigkeit, menschliches Leben dauernd wiederkehren zu lassen, besitzen die Frauen. Sie haben nicht nur die Phasen der Fruchtbarkeit, die den Zyklen der Mondin gleichen ("Menses", d.h. Maß des Mondes), sie bringen auch neues Leben in genau neun Monatszyklen hervor. Dieses neue Leben, das sie gebären, war nach der Auffassung matriarchaler Kulturen nicht ein einmalig individuelles, sondern stets kehrte im Kind ene verstorbene Ahnin oder ein Ahn ins Leben zurück.

Während ihrer Abwesenheit vom Diesseits weilten ihre Seelen in den Armen der Mondin oder in den Flügeln der Göttin der Nacht, oder sie besäten als Sterne ihren Leib. Selig warteten sie auf ihre Wiedergeburt.

Daher waren die Frauen die Töchter der Mondgöttin und ihr Abbild, denn sie taten es ihr gleich. Sie sorgten dafür, daß der Tod jedes Menschen durch Wiedergeburt fortwährend überwunden wurde. Darin waren sie eins mit der Göttin und besaßen ihre Kräfte.

Bei manchen matriarchalen Völkern war es deshalb zweifelhaft, ob Frauen überhaupt sterben. Es hieß, daß sie sich im Alter in die Einsamkeit zurückzögen und dort ihre Haut abwerfen würden, wie die Mondin ihre schwarze Hülle oder die Schlange eine zu enge Haut. Dann kehrten sie jung und frisch wieder zurück. Die Mythen vom Jungbrunnen oder der Altweibermühle, in die alte Frauen hineingehen, um jung wieder herauszukommen, haben dort ihren Ursprung. 

Frauen taten einfach alles, was die Mondgöttin auch tat. Als Erfinderinnen der Pflanzenzucht und des Ackerbaus machten sie die Erde durch Bewässerung fruchtbar und ließen die Pflanzen wachsen. Sie hatten Macht über Wind, Donner, Blitz und Regen und galten als Wettermacherinnen wie die Mondin. Sie waren als Kennerinnen der Pflanzenheilkunde die Hüterinnen von Gesundheit und Krankheit wie die Göttin.

Sie maßen nach der Mondin die Zeit und gaben den Menschen mit der Entwicklung des Mondkalenders die erste Zeiteinteilung. Sie waren die Erfinderinnen des Spinnens und Webens und spannen wie die Mondgöttin, die Große Spinnerin, auf magische Weise die Fäden und Gewebe des Lebens.

Was die Göttin im Himmel tat, taten sie auf der Erde. Wie die Dreifaltige Mondgöttin die Bestimmerin des Schicksals aller Wesen war, älter als alle später aufkommenden Götter, so waren es zuerst die Frauen, die das Schicksal der Menschheit durch die frühesten, grundlegenden Kulturschöpfungen bestimmten.

(Quelle: "Die tanzende Göttin" von Heide Göttner-Abendroth)