Matriarchale Landschaftsmythologie


Mythen...waren ernste Berichte über alte, religiöse Bräuche und Ereignisse,

und sie sind als Geschichte recht zuverlässig, sobald man nur ihre Sprache versteht.

- Robert von Ranke-Graves -


Landschaftsmythologie öffnet unseren Blick für das, was den Menschen früher heilig gewesen ist: Mutter Erde als die Schöpferin alles Lebendigen. Sie verehrten die Erde in den Formen ihrer Weiblichkeit in Hügeln, Bergen und Tälern, Schluchten, Steinen und Gewässern als Landschaftsahnin.

Überall auf der Erde fanden die Menschen solche landschaftlich-weiblichen Erscheinungen, in denen sich die Erde als ihre Große Göttin zeigte: ein Bergrücken in Gestalt einer liegenden Frau – ein Tal in Form eines weiblichen Schoßes – eine runde Erhebung oder ein Findlingsstein als schwangerer Erdenbauch – zwei gleichförmige Hügel wie zwei Brüste – zwei Flüsse, die V-förmig zusammenfließen – Schluchten, aus denen Quellen wie das Fruchtwasser aus dem weiblichen Schoß entspringen – Höhlen als Anderswelt der AhnInnenseelen – in all diesen und noch anderen Erscheinungsformen verehrten matriarchale Menschen die Erde als Große Frau und Mutter.

Diese Landschaften und Plätze wurden für die Menschen zu ihren Kultorten und sie feierten dort die Feste im Jahreslauf der Erde. Doch Heiliges und Alltäglich-Weltliches war für die matriarchalen Menschen nicht getrennt, so wie wir das heute erleben, und deshalb wohnten sie auch bei ihren heiligen Plätzen: „im Schoß der Erde“ oder „am Busen der Natur“.

Diese Landschaften, in denen sich die Weiblichkeit der Erde in weiblichen Formen zeigte, wurden für die matriarchalen Menschen zu ihrer realen, sich manifestierenden Landschaftsgöttin und sie verehrten sie mit konkreten Namen. Bei aller Vielfalt der landschaftlichen Erscheinungen und ihren unzähligen Namen blieb sie für die Menschen eine Göttin: „die Eine mit den tausend Gesichtern“.

Sprachliche Benennungen wie am Fuße des Berges, der Bergrücken, am Busen des Meeres, die Arme des Flusses belegen bis heute, daß die früheren Menschen die Erde über viele Jahrtausende lang als ein belebtes Wesen gesehen haben.

Landschaftsmythologie beschäftigt sich mit den Spuren der jeweiligen Landschaftsgöttin. Dafür ist es wichtig, ansonsten getrennte Fachgebiete wie Mythologie, Ethnologie und Archäologie miteinander zu vernetzen. Nur so kann die Basis für das landschaftsmythologische Verständnis einer Landschaft geschaffen werden.

Zum Besonderen der matriarchalen Landschaftsmythologie trägt das verlängerte Geschichtsbewußtsein bei, durch welches die matriarchale Kulturentwicklung der Gesellschaft als zentraler Aspekt der landschaftsmythologischen Beschreibungen, Vergleiche und Interpretationen herangezogen wird.

Matriarchale Landschaftsmythologie gibt es weltweit, überall dort, wo alte matriarchale Kulturen ihre Heimat und Siedlungen hatten.

In erster Linie wird matriarchale Landschaftsmythologie von den ForscherInnen zuerst dort betrieben, wo sie selbst daheim sind. Lokale Mythen und Sagen, unser Brauchtum und das Kirchenjahr, die örtliche Geografie und Ortsnamen zeugen bis heute von dieser Zeit, als die Erde und ihre Landschaften den Menschen noch heilig gewesen sind.

Landschaftsmythologische Exkursionen, Wanderungen und Reisen führen auf die vielfältigen Spuren der Großen Göttin hier in unserer Heimat. Dabei dürfen wir erkennen, dass unsere Geschichte viel älter ist als wir bisher wissen.

Viele der gängigen Interpretationen der Mythen, Sagen und Bräuche aus der matriarchalen Zeit wiederholen unhinterfragt und unerkannt die christlich-patriarchale Spaltung, Dämonisierung und Diffamierung der alten Göttin. Erst wenn sie in ihre eigene, kulturelle Umgebung zurückgestellt wird, aus der sie stammt, bevor sie keltisiert und germanisiert wurde, kann sie von diesen Projektionen befreit werden. Dies ist die Epoche der matriarchalen Gesellschaft Alteuropas.


Matriarchale Landschaftsmythologie ist ein interdisziplinäres Fachgebiet und arbeitet mit einer historisch-kritischen Herangehensweise. Sie ist frei von ideologischen oder religiösen Anbindungen und fördert eine kulturell, gesellschaftlich und spirituell verbindende Denkweise.





"Großer Sesselstein" - Bayrischer Wald






"Christianisierte Felsvulva" - Bad Reichenhall






"Schlafende Hexe" - Berchtesgadener Land





"Fruchtbarkeits-Rutschstein" - Salzburger Flachgau






"Margaretha von Dorfbeuern"

Die alte Göttin der Transformation und Wiedergeburt im christlichen Mäntelchen einer katholischen Heiligen. Sie führt den Drachen am Band. Sprich: sie ist die Göttin der "Anderswelt", sie kann die Energien der Erde (geomantisch "Drachenlinien") lenken, sie kann damit umgehen. Erst später erfolgte die christliche Deutung, daß Margaretha oder auch Maria "den Drachen oder die Schlange zertreten". Denn erst durch das Christentum wurde aus der alten matriarchalen Spiritualität und ihrem Symboltier, dem Drachen, das "Böse der Welt".