Moderne Matriarchatsforschung


Denn nichts benötigen Frauen zu ihrer Selbstfindung heute dringender als das Wissen

um ihre großen Vorgängerinnen und um ihre eigene Kulturgeschichte.

- Heide Göttner-Abendroth -



Auf den Spuren matriarchaler Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft:

Der Themenbereich der Modernen Matriarchatsforschung sind matriarchale Gesellschaften weltweit. Dabei konzentrieren sich die Forschungen nicht nur auf die Vergangenheit, sondern die Aufmerksamkeit gilt ebenso den heute noch existierenden Gesellschaften mit matriarchalen Strukturen und Mustern in Asien, Afrika, Süd- und Nordamerika und dem Pazifischen Ozean.

Matriarchate sind keine Umkehrung des Patriarchats wie dies aus einem grundlegenden Mißverständnis heraus immer wieder behauptet wird. Statt dessen zeigen sie sich als gender-egalitäre Gesellschaften. Das heißt, sie kennen keine Klassen, keine Hierarchien und keine Herrschaft des einen Geschlechts über das andere.

Matriarchale Gesellschaften waren und sind ausgewogene Gesellschaften, in denen Frauen und Männer einen eigenen, souveränen Aktionsbereich hatten und haben. Es sind „Gesellschaften in Balance“, in welchen eine Ausgeglichenheit zwischen den Geschlechtern und den Generationen gelebt wird.

Diese Ausgeglichenheit zwischen Frauen und Männern schließt somit das von vornherein aus, was matriarchalen Kulturen von unserer patriarchalen Gesellschaft doch immer wieder unterstellt wird: Es gab und gibt in Matriarchaten keine Frauenherrschaft wie das landläufig immer wieder behauptet wird. Diese Behauptung ist falsch und wurde durch die Moderne Matriarchatsforschung wissenschaftlich widerlegt.

Begriffserklärung:

Da die Begriffe Matriarchat und Patriarchat immer wieder falsch verwendet werden, hier nun eine kurze Begriffserklärung, denn das Wort Matriarchat ist nur sprachlich identisch mit dem Wort Patriarchat.

Daß das Matriarchat nicht die Umkehrung der Männerherrschaft war, läßt sich sehr eindrücklich bereits aus der Übersetzung der griechischen Bezeichnungen erkennen:

Das griechische Wort „arche“ heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung ANFANG, URSPRUNG, es steht auch für Gebärmutter. Somit bedeutet das Wort Matriarchat übersetzt: „Am Anfang, am Ursprung die Mütter“, was die Sache trifft.

Denn nicht nur am Anfang eines jeden Menschenkindes, das geboren wird, steht die Mutter, sondern auch am Anfang der kulturellen Entwicklung der Menschheit standen Gesellschaften, die von Müttern und mütterlichen Werten geprägt waren.

Daß es sich bei der Übersetzung des Wortes „Matriarchat“ mit Frauenherrschaft um eine einseitige, ungenaue und vor allem unwissenschaftliche Übersetzung handelt, läßt sich sehr gut im Wort Archäologie erkennen: die Archäologie ist die „Lehre von den Anfängen, den Ursprüngen unserer Kultur.“

Hier wird das griechische Wort „arche“ in seiner ursprünglichen Bedeutung übersetzt und nicht mit Herrschaft. Auch ein „Archetyp“ wird als ein „ursprünglicher Typus“ übersetzt und nicht als „Herrschaftstyp“ und die biblische „Arche Noah“ ist der Neuanfang der Menschheit nach der Sintflut und bezeichnet nicht „Noahs Herrschaft“.

Erst durch die Wandlung der Sprache im Patriarchat, der „Herrschaft der Väter“ wurde aus der ursprünglichen Bedeutung des Wortes arche die patriarchale Bedeutung der Herrschaft und diese Übersetzung ist korrekt, weil sich erst in dieser späteren Gesellschaftsform die Strukturen von Herrschaft, angeführt von einzelnen Männern und ideologisch besetzt von Vatergöttern, herausgebildet haben. Das Patriarchat ist jene Gesellschaftsform, in welcher die Menschen seit ca. vier Jahrtausenden leben.

Wissenschaftliche, interdisziplinäre Gesellschaftsforschung:

Die Aufgabe der Modernen Matriarchatsforschung jene ist, zwei gegensätzliche Gesellschaftssysteme zu vergleichen, nämlich die gesellschaftlichen Muster der matriarchalen Gesellschaft mit jenen der patriarchalen Gesellschaft. Es geht hierbei nicht darum herauszufinden, ob nun Frauen oder Männer die „besseren Menschen“ sind.

Nachdem die Matriarchatsforschung in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Pionierwerken von Johann Jakob Bachofen (1861 – Kulturgeschichte) und Lewis Henry Morgan (1851 – Ethnologie) begonnen hatte, wurde das Thema mehr als ein Jahrhundert lang von allen geistigen Strömungen und politischen Interessen gebraucht und mißbraucht, indem ihre verschiedenen Ansichten darauf projiziert wurden.

Dies war deshalb möglich gewesen, weil dieser frühen Matriarchatsforschung eine solide wissenschaftliche Grundlage fehlte, nämlich eine klare und genaue Definition dieser Gesellschaftsform. Dieser Mangel an wissenschaftlichem Vorgehen hat infolgedessen die Tür für emotionale und ideologische, d.h. für rassistische und sexistische Unterstellungen geöffnet, welche die Moderne Matriarchatsforschung bis heute belasten.

Die eigenen patriarchalen Vorurteile wurden nicht kritisch hinterfragt und aufgedeckt. Statt dessen verwirrten und verzerrten stereotype Vorstellungen von der Rolle der Frau sowie die neurotische Angst vor der angeblichen Macht der Frauen die Thematik.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Heide Göttner-Abendroth eine neue sozio-kulturelle Wissenschaft geschaffen, indem sie die Matriarchatsforschung auf einer wissenschaftlichen Grundlage neu konzipiert hat. Daraus entwickelte sich die MODERNE Matriarchatsforschung mit ihrer umfassenden Definition von „Matriarchat“, einer expliziten Methodologie (interdisziplinäre Studien und eine Vielzahl von Methoden) und einer systematischen Kritik an der patriarchalen Ideologie.

Die Moderne Matriarchatsforschung stellt damit ein neues Paradigma („Weltanschauung“) dar. Die Kernthese dieser neuen Weltanschauung ist, daß Frauen nicht nur durch lange geschichtliche Perioden Gesellschaft und Kultur geschaffen haben, sondern daß alle nachfolgenden kulturellen Entwicklungen darauf beruhen.

Warum der Begriff Matriarchat:

Hinsichtlich der Verwendung des Begriffs „Matriarchat“ herrscht eine begriffliche Verwirrung, die teilweise auf den problematischen Gebrauch des Begriffs „Gynaikokratie“ (Frauenherrschaft) durch J.J. Bachofen zurückgeht, welcher fälschlich mit dem Begriff „Matriarchat“ gleichgesetzt wurde. „Frauenherrschaft“ im patriarchalen Sinne von „Herrschaft“ hat es jedoch nie gegeben.

Jedoch hat es Matriarchate oft, zahlreich, in verschiedener Ausprägung und während langer Zeiträume der menschlichen Kulturgeschichte gegeben und es gibt sie immer noch.

Nicht alle WissenschaftlerInnen, welche die Moderne Matriarchatsforschung vorwärts treiben, benennen die matriarchale Gesellschaft als „matriarchal“. Es gibt Bezeichnungen wie „matrifokal“, „matristisch“, „matrizentrisch“ oder „gylanische“ Gesellschaft. Doch unabhängig von der gewählten Bezeichnung stimmen sie alle darin überein, daß es sich um eine Gesellschaftsform handelt, die keine patriarchalen Herrschaftsmuster hat und einen hohen Grad von Ausgewogenheit und Balance aufweist.

Heide Göttner-Abendroth hat sich bewußt für den Begriff „Matriarchat“ entschieden und sie erklärt die Bedeutsamkeit und die guten Gründe für diese Bezeichnung folgendermaßen:


  • Der Begriff „Matriarchat“ ist allgemein bekannt. Er ist ein Begriff der Umgangssprache geworden, viele ForscherInnen verwenden ihn und auch indigene WissenschaftlerInnen haben ihn für ihre matriarchalen Gesellschaftsformen übernommen.
  • Es ist nicht immer hilfreich, neue wissenschaftliche Ersatzbegriffe zu erfinden, denn sie sind künstlich und haben keine Verbindung zur Umgangssprache. Meist sind sie in ihrer Aussagekraft auch zu schwach und zu eng und ein reduzierter Blickwinkel auf diese Gesellschaftsformen kann entstehen, der das vielfältige Netz von Verwandtschaftstypen und die komplexen sozialen und politischen Beziehungen, die für diese Gesellschaft typisch sind, vernachlässigt.
  • Deshalb ist eine philosophische und wissenschaftliche Re-Definition sinnvoller. Durch diese neue Definition gewinnen diese allgemein bekannten Begriffe eine neue, klarere und umfassendere Bedeutung als in der bisherigen Umgangssprache. Doch genau diese wird dann in weiterer Folge von den re-definierten Begriffen wieder beeinflußt. Dies ist im Falle des meist unsachlich gebrauchten Begriffs „Matriarchat“ ein großer Vorteil, besonders für Frauen. Denn diesen Begriff wieder zurückzufordern würde für sie bedeuten, das Wissen über Kulturen wiederzugewinnen, die von Frauen geschaffen wurden.
  • In sprachlicher Hinsicht ist die übliche, mit Vorurteilen und Missverständnissen beladene Übersetzung, wie ich oben bereits angeführt habe, ebenfalls überholt.
  • Bei den Ersatzbegriffen geht die politische Reichweite und Bedeutung des Begriffes „Matriarchat“ verloren. Bei der bewußten Übernahme der re-definierten, geklärten Bedeutung zeigen sich dadurch die matriarchalen Werte einer bedürfnisorientierten, friedfertigen, gewaltfreien Gesellschaftsform.


In matriarchalen Gesellschaften leben matriarchale Frauen und matriarchale Männer und ihr Leben ist geprägt von ihrem großen Respekt und ihrer hohen Achtung und Wertschätzung allem Lebendigen gegenüber.

„Am Anfang, am Ursprung die Mütter“ – diese Tatsache, daß am Beginn jedes Lebens eine Mutter steht – ob nun eine Menschenfrau, eine weibliche Tiermutter oder die Erde als Mutter der Natur, zu der auch wir Menschen gehören – diese Fähigkeit des Weiblichen, das neue Leben in ihrem Körper wachsen zu lassen und zu schenken wurde von den Menschen seit Anbeginn verehrt.


Für weitere und ausführlichere Erklärungen zur Modernen Matriarchatsforschung und ihrer Geschichte verweise ich auf die Homepage der Internationalen AKADEMIE HAGIA von Dr. Heide Göttner-Abendroth, der Begründerin der Modernen Matriarchatsforschung.

www.hagia.de



Heide Göttner-Abendroth und Cécile Keller, Internationale AKADEMIE HAGIA


LINK zum Interview "Philosophie im Gespräch" - Teil 1 - mit Heide Göttner-Abendroth

LINK zum Interview "Philosophie im Gespräch" - Teil 2 - mit Heide Göttner-Abendroth