Matriarchatspolitik 


Die Schönheit der Erotik bleibt

von Alltagspflichten unbelastet.

- Heide Göttner-Abendroth - 


Auf dem Boden der Modernen Matriarchatsforschung können wir die Vision einer neuen matriarchalen, egalitären Gesellschaftsform entwickeln. Das wird „Matriarchatspolitik“ genannt.

Dabei werden wir matriarchale Spiritualität und Politik miteinander verbinden müssen, um zu einer anderen Ökonomie und Gesellschaftsordnung zu gelangen. Wie das möglich sein kann, führen uns die traditionellen matriarchalen Gesellschaften deutlich vor Augen. In ihnen sind Ökonomie, Politik, Sozialordnung und Spiritualität untrennbar verbunden, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen – das stellt ihr Regelwerk sicher.

Dabei können wir heute klarerweise keine Muster übernehmen, die historisch vergangen sind, wie z.B. die blutsverwandten Clans oder die alleinige Ackerbau-Ökonomie. Denn Geschichte und soziale Entwicklungen lassen sich nicht zurückdrehen. Aber wir können von diesen jahrtausendelang erprobten Mustern matriarchaler, egalitärer Gesellschaften vielfältige Anregungen erhalten für unseren Weg in eine neue matriarchale, egalitäre Gesellschaft.


So ist auf der ökonomischen Ebene keine weitere Steigerung der Großindustrien und des sog. Lebensstandards mehr möglich ohne Gefahr zu laufen, die Biosphäre der Erde vollends zu zerstören. Hier öffnet sich als Alternative die Subsistenzperspektive als Wirtschaftsform der kleinen und regionalen Einheiten. Diese wirtschaften selbstgenügsam und weitgehend unabhängig, wobei die Lebensqualität vor der Quantität unbedingten Vorrang hat. 

Weltweit geht es darum, die Strukturen von Subsistenzwirtschaft, die es noch gibt und in denen meistens Frauen die Wirtschaftsträgerinnen sind, zu stärken und zu erweitern, sie keinesfalls der wirtschaftlichen Globalisierung der Großkonzerne zu opfern. Diese Regionalisierung zugunsten der Frauen ist ein matriarchales Prinzip.

Auf der sozialen Ebene geht es darum, aus der weiteren Atomisierung der Gesellschaft herauszukommen, welche die Menschen immer tiefer in Vereinzelung und Vereinsamung treibt und sie krank und destruktiv werden lässt. Das ist der Nährboden für soziale Gewalt und Krieg. Es geht um die Bildung wahlverwandter Gemeinschaften verschiedener Art, seien diese nun Lebensgemeinschaften oder Nachbarschaftsgemeinschaften oder Netzwerke. 

Wahlverwandtschaft bildet sich aber nicht durch bloße Interessengemeinschaft, solche Gruppen entstehen und zerfallen schnell. Sondern Wahlverwandtschaft entsteht nur auf dem Boden einer spirituell-geistigen Übereinstimmung, durch sie wird ein symbolischer Clan gebildet, der mehr Verbindlichkeit hat als eine bloße Interessengruppe. 

Das matriarchale Prinzip daran ist, dass solche wahlverwandten Clans von Frauen initiiert, getragen und geleitet werden, womit Frauen heute überall beginnen können oder schon begonnen haben. Selbstverständlich könnten dies auch Männer tun, nur war und ist in den patriarchalen Gesellschaften davon bisher wenig zu sehen. Frauen hingegen trugen und tragen nicht nur die Last des Patriarchats, sondern sind – weltweit gesehen – in der größten Not, was sich darin ausdrückt, dass Armut heute weltweit ein weibliches Gesicht trägt. 

Der Maßstab für diese neuen Sozialformen, die Frauen initiieren, sind die Bedürfnisse von Frauen und Kindern, welche die Zukunft der Menschheit sind, und nicht die Macht- und Potenzwünsche von Männern. Diese haben zu den patriarchalen Großfamilien und politischen Männerbünden geführt, die ein hohes Maß an Unterdrückung und Ausschluss für Frauen enthalten. In die neuen Matri-Clans werden Männer mit pro-sozialem Verhalten hingegen vollgültig integriert, und wie die Frauen folgen sie dann einem anderen Wertesystem, nämlich der Orientierung an gegenseitiger Fürsorge und Liebe statt an der Macht. Darin leben auch die meisten Männer, insbesondere die nicht-privilegierten, besser als im Patriarchat. 

Es wäre ein politisches Ziel, solche Gemeinschaftsbildung in jeder Hinsicht zu unterstützen. 

Auf der Ebene der politischen Entscheidungsfindung ist das matriarchale Konsens-Prinzip für eine wirklich egalitäre Gesellschaft unverzichtbar. Es kann hier und jetzt, sofort und überall eingeübt werden. Denn es ist das impulsgebende Prinzip für matriarchale Gemeinschaftsbildung überhaupt, zugleich verhindert es bei neuen symbolischen Clans verschiedenster Art jegliche Herrschaftsbildung von Einzelnen oder Gruppen.

Es stellt die Balance zwischen Frauen und Männern her, aber auch zwischen den Generationen, denn sowohl die alten Menschen wie auch die Jugendlichen kommen dabei vollgültig zu Wort. Es ist zudem das eigentlich demokratische Prinzip, denn es löst ein, was die formale Demokratie verspricht, aber nicht hält. 

Gemäß diesem Prinzip sind die kleinen Einheiten der neuen Matri-Clans die tatsächliche Entscheidungsträger, aber es ist nur bis zur Größe von Regionen ausweitbar. Blühende, unabhängige Regionen sind allerdings gemäß der Subsistenzperspektive das politische Ziel, nicht die immer größeren Einheiten wie Nationen, Staaten-Unionen und Supermächte, die den ohnehin Herrschenden immer größere Macht bescheren und in denen die einzelnen Menschen zu Nummern und „Menschenmaterial/Humankapital“ heruntersinken. 

Auf der spirituell-kulturellen Ebene kommt man nicht umhin, sich von allen hierarchischen Religionen mit transzendentem Gottesbegriff und absolutem Wahrheitsanspruch zu verabschieden, welche die Welt, die Erde, die Menschen, insbesondere die Frauen, tief herabgewürdigt haben. Stattdessen geht es um eine neue Heiligung der Welt gemäß der matriarchalen Vorstellung, dass die ganze Welt mit allem, was darin und darauf ist, göttlich ist. Das führt dazu, auch alles auf eine kreative, freie Weise wieder zu ehren und zu feiern: die Natur mit ihren Erscheinungen und Wesen und die Ordnung der menschlichen Gemeinschaften. 

Letzteres geschieht, indem einmal die Frauen, einmal die Männer, dann wieder die Alten oder die Kinder mit ihren jeweils besonderen Fähigkeiten, ihrer jeweils besonderen „Würde“, geehrt und gefeiert werden. Auch jeder Schritt auf dem Weg, den wir tun, um eine neue egalitäre Gesellschaft zu finden, ist ein Fest wert. Denn jeder dieser Schritte ist ein Stück neuer Frauengeschichte, die der Welt ein Beispiel geben könnte, wie die ganze Menschheit glücklicher leben kann. 

Auf diese Weise kann matriarchale Spiritualität alles und jedes durchdringen und wird wieder ein normaler Teil aller Tage werden. Zugleich zeigt sich in ihr das Prinzip der matriarchalen Toleranz, denn niemand muss an etwas „glauben“. Denn sie ist kein Dogma, keine Lehre, sondern die unaufhörliche, vielfältige Feier des Lebens und der sichtbaren Welt.

(Quelle: Heide Göttner-Abendroth - www.hagia.de/matriarchat/matriarchatspolitik)



Weiterführende Literatur dazu:

Heide Göttner-Abendroth:
"Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik" Drachen-Verlag 2008