Weise Frauen

 Heilerinnen - Hebammen - Schamaninnen

"Hexen"


Du kannst nicht die Welt verändern, aber du kannst dich verändern.

Wenn du aber dich veränderst, veränderst du die Welt.

- Franziska Alber in Schwemm -



Gedankenverloren schürte die Curandera das Feuer, das nur noch schwach loderte, und fuhr dann fort: "Unsere heutige Gesellschaft hat kein Interesse an der wahren Natur der Frau. Ihr Wesen wird vielmehr von Geburt an verformt. Was lernt die Frau von heute in der Gesellschaft? Sich zu verstellen, ihre wahren Gefühle zu verbergen, ihre Meinung und ihre Gedanken für sich zu behalten."

"Aber heutzutage bekommen die Frauen eine Ausbildung, viele werden ausgezeichnete Fachkräfte und können ihre Ideen frei entfalten", bemerkte Kantu.

"Was du behauptest, stimmt nicht. Die meisten dieser Frauen haben männlich geprägte Schulen besucht, die ihr wahres Wesen verstümmelt und ihre gesamte Existenz beeinflusst haben. Diese Frauen sind nicht mehr in der Lage, ihre Weiblichkeit zum Ausdruck zu bringen. Intuition und Kreativität, künstlerische Fähigkeiten und Gefühle verschwinden immer mehr aus ihrer Welt. Gerade beruflich hochqualifizierte Frauen müssen für ihre Arbeit oft einen Teil ihrer selbst opfern. Das ist ein typisches Phänomen der modernen Industriegesellschaft."

Die Curandera legte eine kurze Pause ein, bevor sie erneut begann: "Du darfst Ausbildung nicht mit Erziehung verwechseln. Es gibt sehr viele gut ausgebildete, aber schlecht erzogene Menschen, und umgekehrt gibt es viele Ungebildete, die vor allem durch ihre gute Erziehung, ihre innere Bildung hervorstechen.

Unser tägliches Leben liefert uns genügend Beispiele dafür. Die meisten unserer heutigen sogenannten Ausbildungszentren bringen Leute hervor, die an der Zerstörung des Lebens auf der Erde mitwirken. Nur die wenigsten arbeiten daran, es zu bewahren. Ein gewissenloser, unmoralischer Wissenschaftler ist viel schlimmer und kann viel mehr Schaden anrichten, als ein Ungebildeter, dem durch Erziehung innere Werte vermittelt wurden."

...frage Kantu: "Meinst du, daß es besser wäre, wenn die Menschen keine Ausbildung bekommen würden?"

"Sie müssen erst erzogen werden, bevor man sie ausbildet. Erziehung steht an erster Stelle. Sie beginnt bereits im Schoß der Familie, und zwar immer dann, wenn es darum geht, die Persönlichkeit und die Gefühle des anderen zu achten. Diese Art der Erziehung hat die Humanisierung des Menschen zum Ziel. Bei einer Ausbildung geht es dagegen um die Entwicklung von geistigen Fähigkeiten und Rationalität."

"Du meinst, dass sich eine Frau, um ihre wahre Natur zu entwickeln, zunächst an ihr Herz und erst dann an ihren Verstand wenden soll?"

"Genau. Heutzutage wird die Frau daran gehindert, ihre Weiblichkeit zu enfalten. Überall an den Schulen und Universitäten wird der Frau männliches Denken eingetrichtert. Ihr wird nicht beigebracht, sich selbst zu erkennen und zu verstehen."

Kantue musste zugeben, dass die Curandera recht hatte. "Wie und wo sollte also unsere Erziehung erfolgen? Was müssen wir lernen?", fragte sie neugierig.

"Wir müssen eine Bildungsinstituion schaffen, die den Bedürfnissen und Interessen der Frau gerecht wird. Im Inkareich gar es eine solche Institution. Sie nannte sich Akllawasi und orientierte sich an weiblichen Werten. In diesem Bildungszentrum lehrte man, daß die Entstehung und der Fortbestand der menschlichen Gesellschaft in den Händen der Frau liegen, dass sie die Grundlagen für jegliche Form des Zusammenlebens schafft und dass Erziehung und Bildung zu Hause beginnen."

(Aus "Die Traumheilerin" von Hernán Huarache Mamani)





Urmutter Anna lehrt Maria